55/ Sundowner

Als die Sonne begann unterzugehen, kapitulierte Tante. Es war Hochsaison, und jeder Campingplatz am Mittelmeer platze vor lauter Urlaubern aus allen Nähten. Darüber hinaus hatte unser heutiges Speed-Sightseeing, Florenz und Pisa an einem Tag, seinen Tribut gefordert und uns eine nervige Reizüberflutung auferlegt. Zudem es war drückend heiß.

Tante enterte eine kleine abgelegene Bucht. Sie war menschenleer und das Meer außergewöhnlich ruhig, nur seichte Wellen liefen über den Strand. Es war so leise, dass man das säuselnde Reiben der Sandkörner hören konnte, wenn sich das Wasser zwischen den regelmäßigen Atemzügen des Meeres für einen Moment vom Strand zurückzog. Hier würden wir also übernachten, abgeschirmt vom Dröhnen der Welt in einer vollkommen entspannten Atmosphäre. Doch bevor sich der wohlige Mantel der Nacht über uns ausbreitete, nutzen wir die verbleibende Helligkeit des Abends und gingen schwimmen.

Meine erhitzten Schlappohren tunkten in das kühlende Nass und jauchzten vor Erleichterung auf. Es war herrlich! Das Wasser fühlte sich weich an, war ganz klar und geflutet von verglimmenden Lichtstrahlen. Sie brachen sich in den Wellen und schimmerten durch sie hindurch wie Gold. Wir schwammen weit raus. Bis zur Hälfte war die glühende Sonne bereits im Meer versunken und trieb oberhalb der Wasseroberfläche mit uns auf Augenhöhe. Tantes Gesicht leuchtete, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen hatte. Sie suhlte sich in diesem Glück, drehte sich auf den Rücken und ließ sich vom Salzwasser tragen. Der Himmel über uns änderte seine Farben wie changierender Stoff, dämmerte, bis er den Vorhang zur Seite nahm und seine wahre Tiefe zeigte, in Form von den ersten aufgehenden Sternen.

Später wollte Tante am Strand ein schönes Lagerfeuer machen, aber aus mir unerfindlichen Gründen gab die Seemannskiste kein Feuerholz mehr her, wie sie es sonst immer getan hatte. Die Seemannskiste ist für uns eine nie versiegende Quelle all unserer benötigten Reiseutensilien gewesen, vom Gasgrill bis zur Sonnenliege barg sie ein paranormales Fassungsvermögen. Bis heute. Und da ahnte ich, dass wir langsam auf das Ende unseres Roadtrips zugingen. Ich betrachtete meine geliebte Tante aus Marokko, die verzweifelt in der Seemannskiste wühlte und erhoffte mir ein Happyend. Für uns beide.

Tante kramte eine prallgefüllte Plastiktüte hervor. Danach fing sie wie verrückt an, mit den Händen überall am Strand flache Mulden in den Sand zu graben. Über eine weite Fläche verteilt. Ich fragte mich nicht, was dieses merkwürdige Theater sollte, stattdessen buddelte ich einfach auch, verdrängte mit meinen Pfoten den feuchten Sand und schürfte unzählige kleine Löcher. Eine meiner leichtesten Übungen! Bald sah der Strand aus wie von vielen Kratern übersät, entstanden durch riesige herabgefallene Tränen. Und in jede einzelne Senke setzte Tante ein brennendes Teelicht. Als sich die letzten Sonnenstrahlen schließlich in Dunkelheit verfärbt hatten, wurden die Krater im Sand von einem warmen Flackern erfüllt. Irgendwo inmitten dieser Vulkanlandschaft schlug Tante ihr Nachtlager auf, und ich kuschelte mich zu ihr in den Schlafsack. Noch bevor ich mir Gedanken um den finalen Ausgang unserer Reise machen konnte, streute der Sandmann Schlaf in meine Augen und knipste das Licht aus.

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12 Kommentare zu „55/ Sundowner

      1. Also Tante und ich mögen es zeitweise auch eng, aber wir bevorzugen es beide uns so richtig schön auszubreiten und zu strecken… Streit und Rangeleien sind da vorprogrammiert. Letztenendes nehme ich die meiste Fläche der Matratze ein und Tante liegt an der Seite gequetscht. Schätze, dass ich als Dackel einfach das größere Ego habe 😉

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    1. Das geht ganz einfach mit den Teelichtern. Kann man an jeden Sandstrand machen! Die Löcher verhindern, dass die Flammen vom Wind ausgehen 🙂 Und der Roadtrip geht zu Ende, ja, aber das dauert noch.

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