54/ Schön schräg

Der schiefste Turm der Welt steht in Ostfriesland. Ein paar Kilometer entfernt hatte Tante vor Jahren ihren internationalen Surfschein absolviert und auf der Rückfahrt durch viele hübsche Kuhdörfer den alten Glockenturm entdeckt. Angebaut an ein solide stehendes Kirchenschiff, fristet der Turm sein Dasein in einem befremdlichen Neigungswinkel – festgehalten im Guinnessbuch der Rekorde. Dennoch ist der schiefe Turm von Suurhusen den meisten Menschen überhaupt kein Begriff, ganz anders verhält es sich mit dem zweitschiefsten Turm der Welt…

Bevor wir das Mittelmeer erreichten, machten wir einen letzten Zwischenstopp, und zwar am besagten schiefen Turm von Pisa. Er gehört zu der komplexen Gebäudeanlage des Doms auf dem Piazza dei Miracoli, im Volksmund auch Wiese der Wunder genannt, und ragt mit mehreren Stockwerken, jedes umgeben von einer Loggia aus Rundbögen, hoch hinauf in den Himmel. Und das ziemlich schief, denn schon kurz nach seinem Baubeginn im 12. Jahrhundert, begann der Glockenturm seitlich zu versacken. Bei seiner Fertigstellung wurde der entstandene Neigungswinkel in die Konstruktionspläne des Turms mit einbezogen, auf dass er seine Schieflage zumindest halten könne. Auch in nachfolgenden Jahrhunderten versuchte man, den Turm mit verschiedenen Maßnahmen zu stabilisieren. Ein wirklich bemerkenswerter Erfolg stellte sich im Jahr 2018 ein. Ganze vier Zentimeter konnten Bauingenieure und Architekten den schiefen Turm von Pisa aufrichten! Keine Frage, ein echt schräges Teil.

Nachdem Tante und ich uns zu Füßen des Turms einen steifen Nacken abgeholt hatten, machten wir es einigen anderen Touristen gleich und chillten auf der großen Rasenfläche des Platzes. Tante hatte aus dem VW-Bus eines ihrer neuen Bücher mitgenommen, um ein wenig darin zu lesen.

Ich dagegen nahm eine Gruppe Punks ins Visier. Die Jungs hatten allesamt kaputte Klamotten, lustige bunte Frisuren, und mancher von ihnen trug verwirrenderweise ein Hundehalsband mit Nieten! Am spannendsten jedoch war, dass sie einen Bereich des heiligen Domplatzes zu ihrem persönlichen Bolzplatz umfunktioniert hatten und darauf Fußball spielten. Ein paar leere Bierdosen markierten die beiden Tore. Dieses Spektakel musste ich mir selbstverständlich aus der Nähe ansehen und trottete los. Kaum war ich in Reichweite, spielte mir einer der Punks den Fußball zu. Ich stoppte den Ball und stupste ihn geschickt zurück. Die Jungs waren begeistert von meinem Talent, und schon war ich mit von der Partie! Am Anfang hatte ich noch Bedenken, meine Mitspieler könnten mich bei wilden Rangeleien um den Fußball ausversehen treten, zudem hatten sie echt derbe Knobelbecher an, doch die Jungs achteten gut auf mich. Und weil ich mich nicht so recht für eine Mannschaft entscheiden wollte, wurde ich einfach als unparteiischer Stürmer eingesetzt. Stets raste ich über das Spielfeld, nahm den Jungs den Ball weg und schob ihn in eine andere Richtung. Kein einziges Manöver der Jungs hatte eine Chance, denn ich brachte ihr Spiel immer wieder durcheinander. Dieser Schwierigkeitsgrad stachelte die Punks enorm an, so entbrannte ein aufregendes Fußballspiel! Irgendwann hatte ich sogar eine Glückssträhne. Ich fing den Ball ab, unterbrach damit einen gefährlichen Pass in unmittelbarer Reichweite des Tores und begann den Ball selbst zum Tor zu bugsieren. Leider stellte sich mir ein kräftiger Punk mit einem gewaltigen Irokesenkamm breitbeinig in den Weg. Im Bruchteil einer Sekunde überlegte ich mir eine Taktik, den Kerl zu umgehen. Dann schubste ich den Ball mit meiner Schnauze an ihm vorbei, schnellte zu seiner Überraschung zwischen seinen Beinen hindurch, bemächtigte mich des Balls wieder und kickte ihn elegant ins…TOOOOOOOOOOOR!!!!!!!!  Mein Gegner guckte dumm aus der Wäsche! Die anderen Punks brüllten vor Lachen und waren ganz aus dem Häuschen.

Als ich später zu Tante zurückkehrte, trug ich ein rotes Hundehalsband mit einer Reihe von glänzenden spitzen Nieten drauf! Vor Stolz war meine Brust mindestens auf das doppelte ihres Volumens angeschwollen. Tante freute sich natürlich für mich und klopfte mir anerkennend den Rücken. In dem Moment kam ein Japaner auf Tante zu und fragte sie, ob er ein Foto von uns schießen dürfe. Das verwunderte mich, bis mir das Motiv schließlich klar wurde: Ein knallharter Punk auf vier Pfoten neben einem Hippie mit Schlapphut und duftigen Paisleykleid.

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