53/ Der Quantensprung

Wer Florenz besucht, macht eine eindrückliche Zeitreise in die Renaissance. In keiner anderen europäischen Stadt zeigt sich ihr künstlerisches und architektonisches Gebären so malerisch wie hier. Dank profitablem Außenhandel ist die Stadt derzeit so reich gewesen, dass die Florentiner es sich leisten konnten, unsagbar teure Gebäude, Skulpturen und Gemälde in Auftrag zu geben, und so begegnet man diesen Werken heute in Florenz überall.

Unverkennbar bediente sich die Renaissance dem Wissen antiker Gelehrter, in gleicher Weise schöpfte sie aus aktuellen Innovationen. Diese hochexplosive Mischung entzündete sich zu einem europaweiten Feuerwerk auf nahezu jeder geistigen Ebene und vollbrachte einen Quantensprung für die ganze Menschheit. Die grundlegendste Veränderung war das Menschenbild selbst. Der Mensch war nicht länger nur ein niederträchtiger Haufen aus Dreck und Schleim, sondern wurde nach dem Abbild Gottes geschaffen, ausgestattet mit abstraktem Denken und einem Sinn für Schönheit. Dieses neue Selbstbewusstsein ebnete Kultur und Bildung eine Entwicklung in weitaus höhere Räume, wobei eine andere tragende Wand der Renaissance die Erfindung des Buchdrucks darstellte. Fortan war es den Menschen möglich, ihr wertvolles Gedankengut festzuhalten und zu duplizieren, zum Beispiel die Konstruktion von atemberaubenden Kathedralen oder schwierigen Dachkuppeln. Genauso öffneten sich Türen für die Medizin, denn offengründige Studien der menschlichen Anatomie revolutionierten die bisherigen Kenntnisse. Der Kunst bescherte die Entdeckung der Zentralperspektive mehr Tiefe sowie die Loslösung von traditionellen Motiven. Wirtschaftlich machte eine simple Idee wie die doppelte Buchführung unterm Strich mächtig was her. Die Erforschung der Gestirne befähigte die Seefahrt zu ausgedehnten Strecken und erreichte schließlich den globalen Handel. Aber zum leuchtendsten Stern der Renaissance zählte das Lebenswerk des Universalgelehrten Leonardo da Vinci. Seine technischen Erfindungen bildeten die Vorläufer unserer heutigen modernen Zeit. Das visionäre Genie kreierte Roboter, Fluggeräte, Automobile, Maschinengewehre und Kriegspanzer, nebenbei malte er das Lächeln der Mona Lisa. Insgesamt befruchteten sich alle Errungenschaften der Renaissance gegenseitig, fanden weitere Entwicklungsstufen und stiegen in völlig ungeahnte Sphären empor. Man hatte das Mittelalter überwunden.

Ich weiß, der Vergleich hinkt etwas, trotzdem ersehnte ich mir einen ähnlichen Fortschritt für Tante, die ihr Leben noch immer mit finsteren Geistern und Dämonen fristen musste. Als wir in Siena campten und bei Tante wieder vermehrt psychische Probleme zum Vorschein kamen, hatte ich mir heimlich ihren Laptop geschnappt und im Internet mehrere gebrauchte Bücher an die Adresse unseres Campingplatzes bestellt. Via Express aus Deutschland nicht gerade eine kostengünstige Aktion, doch für Tantes Leben vielleicht eine gute Investition, denn die Bücher behandelten thematisch posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Nervenzusammenbrüche, Therapieformen und sowas halt. Ein Potpourri aus verschiedenen Sachbüchern über die menschliche Psyche! Ich wollte unbedingt, dass Tante lernte ihre seelischen Probleme besser zu verstehen, damit sie mehr Klarheit über ihre Situation gewinnen und endlich weiterkommen könnte. Die Geister und Dämonen sollten ihre diffuse Macht verlieren, indem Tante ihnen zukünftig mit analytischem Wissen begegnete.

Verblüfft hatte Tante die Bücher beim Campingplatzwart abholen müssen. „Guck mal Raffi! Anscheinend habe ich im Suff diese Bücher bestellt! Klingen interessant, und ich werde sie lesen. Zum anderen sollte ich wohl aufhören, so viel Rotwein zu trinken!“ Ha… Zwei Fliegen mit einer Klappe!

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5 Kommentare zu „53/ Der Quantensprung

      1. Ebenso ein erfolgreiches und gesundes neues Jahr!

        Übrigens in der Nacht vom 5. auf dem 6. Januar müsst ihr auf die Befana achten. Das ist für die Kinder in Italien sowas wie der Nikolaus. Die Befana füllt den Strumpf mit Geschenken oder für die, die nicht so artig waren mit Kohle. Die Kohle gibt es die Tage auch überall zu kaufen…diese ist aus Zucker.
        Viel Spaß weiterhin beim Reisen.

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  1. Lieber Raffi, der Weg ist das Ziel und der Zweck heiligt die Mittel. Sagt man doch so schön. Irgendwas wird irgendwann schon helfen. Mir macht Euer Roadtripp Spaß und ich freue mich auf viele weitere Geschichten. Dir und Tante ein tolles 2019! Liebe Grüße von Elli und Quietschi.

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