52/ Göttliche Kunst

Tante fehlte das Meer. Das Salz auf ihrer Haut, die rauschende Gischt und das Piepen von Seevögeln. Also machte sie am frühen Morgen den VW-Bus seefest, und schon waren wir unterwegs an die Küste. Eine bestimmte Stadt konnten wir dabei einfach nicht an uns vorbeiziehen lassen. Einst benannt nach der römischen Göttin der Blumen, wuchs Florenz seit der Antike zu einer der schönsten Kulturhauptstädte Europas heran. Die blühende Architektur, herausragende Persönlichkeiten und viele prachtvolle Kunstwerke hatten dem Ort eine charismatische Ausstrahlung verliehen.

„Die Geburt der Venus“ von Botticelli ist wohl das berühmteste Gemälde der Stadt. Eine unbekleidete Göttin mit wallenden blonden Haaren surft auf einer großen Muschel vom Meer auf den Strand zu, begleitet von fliegenden Engeln und umweht von Rosenblüten. Die Farbtöne des Wassers verschwimmen in einem kühlen Smaragdgrün mit türkisenen Nuancen, der Himmel ist erfüllt von einem matten Hellblau. Am Ufer erwartet eine Frau die Meerschaumgeborene mit einem floralgemusterten rötlichen Mantel, sie selbst trägt ein helles Kleid bestickt mit blauen Streublumen. Das Meisterwerk aus dem 15. Jahrhundert, angeblich eine Huldigung des Auftraggebers an seine heimliche Geliebte, ist voll von perfekter Farbharmonie und makelloser Schönheit, doch äußerlich umranken es weitere Gerüchte, umstrittene Interpretationen und unklare religiöse Absichten. Wer sich von dem Gemälde in den Uffizien selbst ein Bild machen möchte, muss sich für eine Eintrittskarte mit Touristenmassen rumschlagen und hat gleiches in dem riesigen Gebäude nochmal zu erleiden. Wir wurden gar nicht erst rein gelassen.

Das war nicht weiter dramatisch, denn Tante interessierte sich ohnehin mehr für die bekannteste Statue von Florenz. Diese ist zwar nur eine Kopie, steht aber offen zugängig auf dem Piazza della Signoria. Der „David“ ist eine Männerstatue aus weißem Marmor und posiert seine Siegessicherheit kurz vor dem Kampf mit dem Riesen Goliath. Michelangelo erschuf ihn Anfang des 16. Jahrhunderts. Und er ist vollkommen entblößt. Tante umkreiste den fünf Meter großen Kerl und studierte seinen nackten Hintern mit andächtigen Blicken. Mich dagegen nahmen seine Hände in Beschlag. Sie waren so detailgenau wie ein Foto und wirkten verblüffend echt. Michelangelo hatte dem Stein wahrlich Leben eingehaucht! Leider umgibt den David nicht nur die Genialität seines Meisters, sondern auch der machtpolitische Wirbel seiner Zeit. In Florenz herrschten damals heftige Spannungen zwischen Adeligen und Bürgern. Letztere hatten die Statue in Auftrag gegeben, um Davids Siegespose symbolisch für sich zu beanspruchen. Bei einem brutalen Tumult verlor David seinen linken Arm. Schlussendlich setzte sich Goliath durch, sprich die Dynastie der Medici.

Florenz Reichtum und Kunst war überwältigend. Jetzt wo ich versuche, ein paar Schnappschüsse von der Pompösität der Stadt in Worten festzuhalten, erinnere ich mich an eine Geschichte, die sich außerhalb von Florenz zugetragen hat. Tante und ich hatten uns bei einem unserer Ausflüge in eine Kirche verlaufen. Dort gab es einen mit Malereien, kunstvollen Figuren und Unmengen goldener Verzierungen gestalteten Altar, vor dem sich eine Touristenansammlung scharrte. Noch zögernd, ob wir uns dazugesellen sollten, kam plötzlich wie aus dem Nichts ein zahnloser alter Italiener mit Buckel auf uns zugeschossen und bedeutete uns, ihm unauffällig zu folgen. Er führte uns in den hinteren Teil der Kirche, der weniger protzig war und zeigte wild gestikulierend auf ein verblichenes Wandgemälde von Jesus. Bei näherem Hinsehen entdeckte man über dem Kopf vom Sohn Gottes eine fliegende Taube. Diese hatte kein Künstler gemalt, sie war zufällig durch Risse und eine beginnende Abblätterung der Wandfarbe genau an dieser Stelle entstanden! Es sah wirklich so aus, als käme die Taube vom Himmel herunter und verweilte mit ihren zärtlich ausgebreiteten Flügeln über dem Haupt Jesu. Der Italiener erklärte uns dazu irgendetwas in seiner Sprache. Natürlich verstanden wir kein Wort, aber in seiner zittrigen Stimme hörte ich tiefe Ergriffenheit und Rührung. Ich werde „die Taube“ niemals vergessen.

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9 Kommentare zu „52/ Göttliche Kunst

  1. Viele Spaß auf eurer Reise!
    Sehr schöne Infos sind das!
    Beim David drinnen hab ich mal drei Stunden gesessen und hab ihn ringsherum betrachtet.
    Die Hand hat verhindert, dass der Stein auseinander bricht. Er war schon mal behauen worden von einem, der wenig Ahnung hatte.
    Michelangelo ist mein Lieblings Künstler. Schön, dass du ihn auch magst, Raffi.
    Der Adventskalender ist jetzt geschlossen. War toll von 1 bis 24. Daaanke!

    Gefällt 1 Person

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