51/ Stadt der Vampire

Ungefähr 50 Kilometer von Siena entfernt gibt es die Stadt Volterra. Ihr mittelalterlicher Kern liegt auf einem Berghügel, und die Häuser stehen stufenartig und chaotisch zueinander verschachtelt die Abhänge hinunter. Die Dächer der Wohngebäude haben verwaschene Terracottafarben und ihre Wände dunkelgrüne Fensterläden. Schon von weitem kann man die für das Stadtbild dominante Festungsanlage der Medici erkennen, einen hohen Glockenturm und die Kuppel einer Taufkapelle. Auf den ersten Blick wirkt die toskanische Kleinstadt ein wenig verschlafen, doch verbirgt sich hinter dieser müden Fassade ein recht exotischer Tourismus. Seit etwas mehr als 10 Jahren besuchen viele Menschen den Ort ausschließlich wegen seiner Vampire!

Diese Entwicklung obliegt der berühmten Twilight-Saga, eine vierbändige Jugendbuchreihe über die Liebe zwischen Edward dem Vampir und einem Mädchen namens Bella. Eher zufällig hatte die amerikanische Autorin Volterra im Internet entdeckt und zu einem Schauplatz der Saga festgelegt. Der über 100 Millionen Mal verkaufte Bestseller beinhaltet eine aufregende Schlüsselszene, welche in Volterra spielt und den Ort quasi über Nacht zu einem Magneten für Fans aus der ganzen Welt machte. Schlagartig begannen Horden von Teenagern, den Ort wegen der Vampirstory zu bepilgern. Die Kleinstadt fügte sich ihrem Schicksal und managte den jungen Tourismusboom gekonnt. Bis heute gibt sie Stadtpläne mit den Handlungsplätzen der Twilight-Saga heraus und organisiert gruselige Stadtführungen.

Zugegeben, die Altstadt hat von Haus aus eine düstere und geheimnisvolle Stimmung. Die mächtigen Festungsmauern, Relikte aus der Etruskerzeit, mittelalterliche Steinbögen, ein Foltermuseum, kunstvolle Palazzi, Alabasterfiguren und verschnörkelte Straßenlaternen bieten zusammen eine inspirierende Kulisse für die Existenz von Vampiren. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass hier nachts ein Vampir durch die finsteren Gassen schleicht, um seinem Blutdurst nachzugehen.

Während Tante gedankenverloren mit mir durch Volterra flanierte, nutze ich die Gelegenheit und ging nebenbei auf Vampirjagd. Ich beschnupperte alles, was mir vor die Nase kam und versuchte eine Fährte zu den Blutsaugern aufzunehmen, solange bis mir einfiel, dass ich gar nicht wusste, wonach ein unsterblicher Vampir eigentlich riecht! Nach totem Igel, Friedhofserde oder Gruft? Egal, ich würde es schon wissen, wenn es soweit war. Zusätzlich hielt ich die Augen offen und suchte überall nach Hinweisen zu den Untoten. In einer schmalen Seitenstraße entdeckte ich dann einen Gullydeckel, der anscheinend in die Unterwelt Volterras führte, denn an den Häuserwänden daneben waren Botschaften in verschiedenen Sprachen wie „Edward für immer“ oder „Beiß mich“ gekritzelt. Aber anheben konnte ich das schwere Teil nicht.

Am späten Abend wurde meine Jagd interessanter. Tante setzte sich in ein Restaurant, welches in das Erdgeschoss eines ehemaligen Patrizierhauses gebaut war. Sie bestellte den „Blutrausch“, ein kleiner Krug mit süffigem Rotwein und dazu „Steak nach Art der Vampire“. Der Kellner bedankte sich und marschierte Richtung Küche. Er zog einen kaum wahrnehmbaren Geruch von Eisen hinter sich her… Und als hätte er meine Gedanken in dem Moment meiner schaurigen Erkenntnis gelesen, drehte er sich zu mir um und ließ grinsend zwei spitze Vampirzähne aufblitzen.

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4 Kommentare zu „51/ Stadt der Vampire

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