48/ Alice im Wunderland

Bei unseren nächsten Streifzügen durch Siena kristallisierten sich auffallend viele Patisserien, Konditoreien und Chocolaterien heraus, verzauberten den Ort in ein kandiertes Schlaraffenland. Tante und ich schlemmten uns geradezu durch die Straßen! Cantuccini, Panforte, Boconotto, Riccarelli oder Torrone lautete täglich unser Mantra. Es war ein Fest für die Sinne! Und so kam es, dass ich mit einem dauerhaften Zuckerflash durch Siena dackelte und die Stadt mit ganz anderen Augen wahrnahm…

Als erstes verwandelte sich der il Campo in eine riesige Schleckmuschel. Der Dom mit seinen dunklen und weißen Querstreifen sah aus wie ein geschichteter „kalter Hund“, und die hellen Säulen im Kirchenschiff waren von abgewickelten Lakritzschnecken umkringelt. Marmor in Siena bestand fortan aus zweifarbigem Eis, Verzierungen in Sandstein waren nichts anderes als Marzipandekor, Fontänen sprudelten Limonade, und Wolken am Himmel schwebten als Zuckerwatte über uns hinweg.

Doch es war nicht nur mein Süßigkeitenkonsum, der Siena unwirklich erscheinen ließ. Die 17 uralten Stadtbezirke boten einer blühenden Fantasie das Fass ohne Boden, denn sie besaßen jeweils einen kunstvoll gestalteten Brunnen und ihre eigene kleine Kirche, vor allem aber kennzeichneten sie ihr Revier reichlich oft mit ihrem Wappen. Das waren meistens seltsame Tiere oder Fabelwesen. Auf diese Weise begegneten uns überall Drachen, Raupen, Giraffen, Adler oder Stachelschweine! Immer tauchten sie irgendwo auf, flatterten auf Fahnen, versteckten sich in Fresken und guckten einen plötzlich an. Verrückt! In dem Stadtbezirk vom Einhorn entdeckte ich einen Trinkbrunnen, der mich ganz in seinen Bann zog. Der Kopf des Einhorns wuchs aus einer gemauerten Wand heraus, neigte sein Haupt und ein zarter Wasserstrahl quoll aus der Spitze des Horns, wie kostbares lebenspendendes Elixier. Eine Geste nicht von dieser Welt… Oder war es ein Fingerzeig auf die zukünftige Wasserknappheit?

Im Mittelalter hatte Wasser für die Sienesen eine besondere Bedeutung. Es war extrem kostbar. Die Stadt selbst verfügte nämlich über keine natürlichen Quellen und liegt mehrere hundert Meter über dem Meeresspiegel. Es wurde ein weitreichendes unterirdisches Labyrinth aus Tunneln und Zisternen geschaffen, Wasser zum Laufen gebracht und mit den Brunnen der Stadt verbunden. Man kann die Bottini, wie sich diese tunnelartigen Wasserwege unter Tage nennen, teilweise begehen. Allerdings darf man das nur mit einem ortskundigen Führer, denn allein könnte man sich in dem vertrackten Kaninchenbau leicht verlaufen.

Zum Versorgungssystem gehörten auch einige überdachte Sammelbecken am Stadtrand. Hier reflektiert sich das Wasser unter den uralten Steingewölben und Arkaden noch heute. Ein mystisch stiller Platz. Wenn es Tante und mir in der Stadt zu heiß wurde, faulenzten wir dort gerne im Schatten herum und vergaßen über Stunden die Zeit. Und so flossen die ersten Tage in Siena dahin wie im Traum.

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14 Kommentare zu „48/ Alice im Wunderland

  1. Mau Rafael, fein auch mal wiedre von Dir zu hören.
    Klingt wie ein Märchen…obwohl meine beiden sind nicht für süßes. hast Du Dir nicht den Magen verdorben?
    Also meine Mami hat gestern zuviel von diesem Zeug gegessen( es geht auf Weihnachten zu) und ihr ist heute noch ganz übel.. Ich musste sie die ganze Nacht trösten als sie gejammert hat, sowas geht vorüber…
    Schnuuur Dein Freund Felix

    Gefällt 1 Person

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