47/ La dolce vita

Der Mädchenname von Tantes Oma war „Martini“. Italienische Vorfahren vererbten der Tochter rabenschwarze lockige Haare, braune Augen mit Rehwimpern und eine Haut, die selbst im Winter nie wirklich blass ist. Bei Tante sind äußerlich bloß typisch norddeutsche Merkmale zum Vorschein gekommen, aber ihr Genpool hat eine deutlich mediterrane Sprache. Es ist schon immer Tantes Wunsch gewesen, das Land ihrer Ahnen eines Tages kennenzulernen, und so machte sie Italien zu unserem nächsten Reiseziel. Zuerst strandeten wir in der Toskana, genauergesagt am Rande der wunderschönen Stadt Siena.

Der Stellplatz für unseren VW-Bus lag im Schatten von dichten Olivenbäumen, aus allen Himmelsrichtungen hörten wir Grillen zirpen – ganz unverkennbar, wir befanden uns mitten im Süden von Europa. Gleich nachdem wir angekommen waren, lieh sich Tante vom Campingplatz eine zitronengelbe Vespa, verfrachtete mich wie üblich in ihren Bundeswehrrucksack und heizte mit mir auf dem Rücken zum Einkaufen in die Stadt. Siena ist sehr alt und wurde auf Hügeln errichtet, folglich gestalteten sich die meisten Straßen extrem kurvig, steil, schmal und uneinsichtig, gottlob hatte Tante das Rollerfahren ja im Blut und erreichte den Ortskern ohne Probleme. Nur einmal, da kamen wir gerade an einer Eisdiele vorbei, musste Tante eine heftige Vollbremsung machen. Die verführerisch vielen Eissorten hinter der gläsernen Verkaufstheke waren ihr in die Quere gekommen! Sie stieg von der Vespa und wählte eine gemischte Portion Eis. Neugierig lugte ich über Tantes Schulter und beobachtete mit riesig werdenden Augen, wie der Eisverkäufer die süßen Massen mit einem Spachtel großzügig in eine Waffel schaufelte und Tante überreichte. In dem Moment bemerkte der Kerl mich und rief „Ciao bello mio!“. Von dem restlichen Schwall Italienisch verstand ich kein Wort, doch als der Mann etwas Vanilleeis in einen Pappbecher schippte, dämmerte mir seine Botschaft. Ich zappelte wie bekloppt! Tante setzte mich mitsamt meinem Eisbecher auf dem Boden ab. Kaum schlabberte ich an der italienischen Köstlichkeit, weiteten sich meine Pupillen, und beide Augenlider fielen auf Halbmast. Diese kaltschmelzende Konsistenz! Und was für ein himmlischer Geschmack! Langsam verschwand die Welt um mich herum… Filmriss….

Meine nächste bewusste Erinnerung war der „Piazza del Campo“. Tante knabberte an einem letzten Stückchen Waffel und schlenderte mit mir durch die Gassen der Altstadt, bis sich dieser Platz aus dem Mittelalter plötzlich vor uns erstreckte. Ein faszinierender Anblick! In Form und Muster glich er der Innenseite einer kolossalen Jakobsmuschel. Ungefähr am tiefsten Punkt der Senke lag ein verzierter gotischer Palast mit einem hochragenden Turm. Auf der breiten Muschelfläche gegenüber befand sich der „Fonte Gaia“, zu Deutsch der Brunnen der Freude, ein mit Statuen und Fresken versehener Marmorbrunnen in der Größe eines Swimmingpools. Umschlossen wurde der gesamte Platz von mehrstöckigen Gebäuden, in dessen Erdgeschossen sich nun Cafés und Restaurants niedergelassen hatten. Die ganze Architektur des Piazza del Campo wirkte fließend und in sich harmonisch, lud schlichtweg zum Verweilen ein. Man trank einen Espresso, hielt sich am plätschernden Brunnen auf oder nutzte, wie einige junge Leute, den perfekten Liegewinkel der Jakobsmuschel für ein kurzes Sonnenbad. Auch Tante und ich pflanzten uns zum Chillen einfach auf die nackte Pflasterung.

Irgendwann nahm Tante wieder ihre Suche nach einem Supermarkt auf. Wir fuhren durch diverse Seitenstraßen und entdeckten eine Vielzahl kleiner Fachgeschäfte, keinen allumfassenden Konsumtempel. Die charmanten Lädchen boten explizit nur Brotwaren, Käse, Meeresfrüchte, Gemüse oder Süßigkeiten an und sind von dem jeweiligen Aroma erfüllt gewesen. Fast alle Produkte waren regional, hübsch präsentiert und sahen sehr appetitlich aus. Ich bekam den Eindruck, dass die Italiener ihren Mahlzeiten eine besondere Wertschätzung entgegen brachten. Essen wurde nicht verramscht, sondern geliebt, mit viel Zeit und Aufwand gefeiert und ausgekostet. Ganz und gar meine Abteilung! Ich freute mich schon auf Tantes Kocharien und beobachtete entzückt, wie sich die leere Weinkiste auf dem Gepäckträger der Vespa kontinuierlich mit leckeren Zutaten füllte, schließlich bin ich der geborene Italiener!

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